
Alte liebe rostet nicht, die auktion der baillon sammlung
3. März 2015
Die "Baillon-Sammlung" ist eine Kollektion von 59 klassischen Autos, die hinter dem Schloss des verstorbenen franzoesischen Unternehmers Roger Baillon entdeckt wurde.
Diese Sammlung wurde am 6. Februar 2015 wahrend der Salon Retromobile in Paris zu Rekordbetragen versteigert. Die Kollektion wurde vor Jahren von Roger Baillon aufgebaut, zu einer Zeit, als klassische Autos noch relativ gunstig waren. Letztendlich wollte er ein eigenes Automuseum eroffnen. Dieser Plan wurde jedoch nicht verwirklicht. Nach einer Insolvenz musste er einen Teil seiner Sammlung verkaufen und stellte die ubrigen Autos in Schuppen auf seinem Grundstuck unter, wo sie im vergangenen Jahr von den Enkeln (!) entdeckt wurden. Diese zogen das franzosische Auktionshaus Artcurial hinzu, das sofort erkannte, dass die Familie einen sehr wertvollen Schatz automobiler Geschichte in den Handen hielt.
Die Auktion war akribisch vorbereitet. Zuerst wurden von Profifotografen sehr stimmungsvolle Aufnahmen des Fundorts veroefentlicht, gefolgt von einem passenden Video. Nur einer Handvoll Journalisten bzw. Autozeitschriften wurde anschliessend Zugang zu dem Schlossgelaende gewaehlt, an dem die Sammlung entdeckt worden war. Ihre Berichte sorgten lange vor dem Auktionstermin fuer erhebliche Aufregung.

Wahrend der Besichtigungstage
Fur die Besichtigungstage wahrend der Retromobile hatte das Auktionshaus sein Bestes getan, um die Autos in dem Zustand zu zeigen, in dem man sie vorgefunden hatte. Mit viel Sinn fur Theatralik wurde der Saal verdunkelt und einige Wagen nur mit einer einzigen orangefarbenen Lampe beleuchtet. Eine helle Lampe auf dem Vordersitz anderer Autos verlieh dem Ganzen eine beinahe geisterhafte Inszenierung. Die Autos waren naturlich noch voller Spinnweben, Staub und Schmutz, und hier und da ragten Grashalme aus dem Unterboden hervor.

Delage DS-11 S Coach
Die Auktion kann als grosser Erfolg bezeichnet werden, sogar weit uber den Erwartungen. Alle 59 Autos haben einen neuen Besitzer gefunden. Das teuerste Auto (uber 16 Millionen Euro) war ein Ferrari 250 GT SWB California Spider aus dem Jahr 1961, der einst dem franzosischen Schauspieler Alain Delon gehorte. Das Modell ist eines von nur 37 gebauten Exemplaren und befindet sich – abgesehen von einer kraeftigen Beule im Kofferraumdeckel – noch in einem recht guten Zustand.

1961 Ferrari 250 SWB California Spider
Ein weiterer Rekordbetrag wurde fur einen sich in schlechtem Zustand befindlichen Talbot-Lago T26 Grand Sport gezahlt, ausgestattet mit einem besonderen, verkurzten Fahrgestell aus dem Jahr 1949. Dieses Auto, mit den Uberresten einer Karosserie von Saoutchik, erzielte 1,7 Millionen Euro.

1949 Talbot-Lago T26 Grand Sport SWB Saoutchik
Es kann verschiedene Grunde geben, warum jemand so etwas kauft. Zum einen waren bei weitem nicht alle angebotenen Autos wirklich in schlechtem Zustand. Viele der Karosserien bestanden aus Aluminium, das nicht rostet und sich relativ einfach instand setzen lasst. Daher sah alles schlimmer aus, als es war, wie man horen konnte. Auch der technische Zustand war, so heisst es, nicht allzu schlecht. Handelt es sich um ein wertvolles Auto, kann es sinnvoll sein, eine komplette Restauration vorzunehmen. Es kann auch sein, dass Sammler eines bestimmten Genres gerade ein solches, seltenes Automodell im derzeit vernachlassigten Zustand erhalten wollen. Das ist bereits zuvor geschehen mit dem aus dem Lago Maggiore geborgenen Bugatti Brescia, der in einem Museum in den USA unrestauriert, aber konserviert, ausgestellt wird.
Unter Liebhabern von antiken und klassischen Autos gibt es ohnehin immer mehr Interesse an Fahrzeugen im Originalzustand. Sogar beim prestigetrachtigen Pebble Beach in den USA gibt es eine eigene Kategorie fur diese Art von Fahrzeugen, die sogenannte Preservation Class.
Vor allem im Vereinigten Koenigreich gibt es Liebhaber einer Fahrzeugkategorie, die man mit typisch britischem Understatement als oily rag cars bezeichnet: abgelebte Autos, die zumindest fuer Laien so aussehen, als waeren sie reif fuer den Schrottplatz, sich technisch gesehen aber in einem einwandfreien Zustand befinden. Diese Autos wirken oft ausgelaugt und haben gerade deshalb viel Charme. Auch innerhalb dieser Bewegung hat man ohne jeden Zweifel Interesse an der Baillon Sammlung gezeigt.
Einige der angebotenen Autos waren in einem so schlechten Zustand, dass eine Restaurierung unmoglich war. Sie konnten jedoch noch als Quelle fur Ersatzteile dienen. Einige Voisin-Besitzer im Saal hatten daher gemeinsam Interesse an einem der Wracks, dessen Erlos vom Auktionator auf 1.500 - 2.000 € geschaetzt worden war.
Wer was gekauft hat und ob das Gelegenheitskonsortium der Voisin-Eigentuemer seine Mission erfuellt hat, ist nicht bekanntgegeben worden. Die offizielle Website des Auktionshauses teilt nur in vagen Worten mit, wohin die Autos gegangen sind ("an American collector" oder noch unklarer "an international collector"). Die Erloese pro Auto sind im Internet zu finden. Uebrigens hat der Schrott-Voisin nicht weniger als gut 52.000 € eingebracht.
Phil Seed (Text und Fotos)