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Die Geschichte eines Rennwagens, des Ferrari 750 Monza

Die geschichte eines rennwagens, des ferrari 750 monza

29. Juni 2015

Das Louwman Museum beherbergt viele besondere Objekte. In diesem Beitrag stellen wir ein ganz besonderes Auto vor, den roten Ferrari 750 Monza.

Die geschichte eines rennwagens, des ferrari 750 monza

Der Ferrari 750 Monza von 1954 aus der Sammlung des Louwman Museums

Die Entstehung von Ferrari als Automarke nach dem Zweiten Weltkrieg darf als bekannt vorausgesetzt werden. Ebenso, dass eines der Dinge, die Ferrari in der Anfangszeit beruehmt machten, die Zwoelfzylindermotoren waren, die in den Serien und Rennwagen eingebaut waren. Obwohl das Herz von Ferrari im Rennsport lag, war der Verkauf von Autos an Privatkunden entscheidend, um die Scuderia (den Rennstall) zu finanzieren. Der von Colombo entwickelte Zwoelfzylindermotor erfuellte bis 1952 beide Anforderungen. In den Jahren davor war Ferrari naemlich sowohl in Grands Prix als auch in Sportwagenrennen erfolgreich. Ausserdem liefen die Verkaeufe der Strassenfahrzeuge recht gut.

Im Jahr 1952 traten neue Vorschriften in der Formel 1 in Kraft, in denen unter anderem festgelegt wurde, dass der Hubraum maximal 2000 ccm (ohne Kompressor) betragen durfte. Ferrari verfugte zwar uber einen zwoelfzylinder mit 2 Litern Hubraum, doch dieser war im Vergleich zur Konkurrenz, unter anderem von Maserati und englischen Marken, die mit Motoren mit weniger Zylindern fuhren, nicht konkurrenzfahig genug. Daher wurde beschlossen, einen zwei Liter grossen Vierzylindermotor zu entwickeln. Colombo war inzwischen zu Maserati gewechselt, sodass sein Nachfolger Lampredi diese Aufgabe ubertragen bekam. Abgesehen davon, dass ein Vierzylindermotor weniger bewegliche Teile hat als ein Zwoelfzylinder und daher zuverlassiger sein sollte, liegt das Drehmoment im Allgemeinen hoher. Diese letzte Eigenschaft galt als ideal fur die kurvenreichen Strecken, die zunehmend fur Grand Prix Rennen genutzt wurden. Ausserdem ist ein solcher Motor einfacher zu warten und abzustimmen.

Der Motor von Lampredi war ein grosser Erfolg. Ferrari wurde 1952 und 1953 mit grossem Vorsprung Formel1Weltmeister. In diesen Jahren entstand die Idee, den Vierzylindermotor nicht nur in der Formel 1 einzusetzen, sondern auch bei Langstreckenrennen. Fur die Saison 1954 wurde der Hubraum fur Grands Prix namlich auf 2500 ccm erhoht, und die Weiterentwicklung der Vierzylindermotoren auf 3000 ccm war eine realistische Option. Auch bei Sportwagenrennen wurde eine der Eigenschaften eines Vierzylindermotors hohes Drehmoment auf den befahrenen Rennstrecken sehr nuetzlich sein.

So geschah es. Lampredi verfeinerte das Design des Motors. Zunachst hatte der Motor fur den neuen Sportwagen 2940 ccm, wurde aber schon bald auf die geplanten 3000 ccm aufgebohrt. Das erste Rennen, das mit dem vollkommen neuen Wagen (und Motor) gefahren wurde, war die Supercortemaggiore in Monza, ein prestigetrachtiges Ereignis im italienischen Rennkalender. Die Scuderia Ferrari meldete zwei Wagen mit einem Dreiliter-Motor. Beide Wagen waren mit einer Karosserie von Scaglietti versehen, von denen eine auf den Ideen des so betrauerten Sohnes von Enzo Ferrari, Dino, beruhte. Das Auto, das im Louwman Museum zu sehen ist, ist eben dieses Fahrzeug.

Die Geschichte eines Rennwagens, des Ferrari 750 Monza

Der Dreiliter-Vierzylindermotor im Ferrari 750 Monza

Obwohl der Wagen nicht gewann (nur Zweiter hinter dem anderen Werkswagen), wurde diese Karosserie anschliessend bei allen anderen 750 Ferraris verwendet. Die Ferrari Tradition, nach der die Typenbezeichnung den Hubraum eines einzelnen Zylinders des Motors angibt, wurde fortgesetzt (4 mal 750 ergibt 3000). Angesichts des erzielten Erfolgs erhielt der Wagen danach noch die Typenbezeichnung Monza.

Spaeter in der Saison wurde dieses Auto noch von Werkseite eingesetzt, so auch auf der Rennstrecke von Reims. Die Vorstellung, dass der Wagen nur auf kurvigen Strecken richtig zur Geltung kommen wuerde, wurde widerlegt (als ob sich das nicht schon in Monza gezeigt haette). Das Auto war schneller als die Werks Jaguars, es fehlte ihm jedoch an Zuverlaessigkeit, um das Rennen siegreich zu beenden.

Im September 1954 beschloss das Werk, mit zwei Autos des neuen Modells Monza an der Tourist Trophy teilzunehmen, die auf der nordirischen Rennstrecke von Dundrod ausgetragen wurde. Dieses Rennen war Teil der Wertung zur Weltmeisterschaft fur Langstreckenrennen, bei der Ferrari zu diesem Zeitpunkt in Fuhrung lag. Es war eine bemerkenswerte Veranstaltung: Das Rennergebnis wurde auf Basis eines Handicaps ermittelt, wahrend die Punkte fur die Meisterschaft nach dem tatsaechlichen Sieger vergeben wurden. Die wichtigsten Konkurrenten in dieser Meisterschaft waren Lancia, Jaguar und Aston Martin, die alle mit Werkswagen gemeldet hatten. Das Rennen wurde von dem Werks-Monza gewonnen, der von den Fahrern Mike Hawthorn und Maurice Trintignant gesteuert wurde.

Die geschichte eines rennwagens, des ferrari 750 monza

Mike Hawthorn im Ferrari Monza auf der Rennstrecke von Goodwood 1955

Zwar wurden sie nach Handicap von einem franzosischen DB Panhard geschlagen, der auf Basis des Handicaps 17 Runden Vorsprung erhalten hatte! Durch diesen Sieg wurde die Meisterschaft ebenfalls von Ferrari gewonnen und der Erfolg des Typs Monza war gesichert. Der siegreiche Wagen ist das Auto, das im Louwman Museum zu bewundern ist.

Dies hatte zur Folge, dass das Modell bei Privatfahrern sehr gefragt war. Viele Exemplare wurden in die USA exportiert. Auch in Europa, wo zahlreiche Erfolge erzielt wurden, war es ein erfolgreiches Modell. Der Wagen, der zu dieser Popularitat beigetragen hatte, wurde, wie es bei Ferrari haufig vorkam, an das franzosische Rennteam Scuderia Los Amigos verkauft. Das Auto wurde fur den Franzosen Jean Lucas (1917-2003) eingesetzt. Anfang der funfziger Jahre hatte Lucas zusammen mit Luigi Chinetti (Le-Mans-Sieger und spaterer Importeur von Ferraris in Amerika) in Le Mans teilgenommen, naturlich mit der Marke aus Maranello. Er war ein Freund der Scuderia, und es war nicht verwunderlich, dass Lucas dieses Auto kaufen durfte.

Ausserdem war Lucas Teammanager beim Rennteam von Amedee Gordini, einem Konkurrenten von Ferrari in der Formel 1 und bei Langstreckenrennen. Eine solche Situation erscheint in der heutigen Zeit undenkbar! Das folgende Ereignis zeigt, wie ungezwungen es damals in der Formel 1 zuging. Beim Grossen Preis von Italien in Monza im Jahr 1955 wurde einer der Stammfahrer bei Gordini, Robert Manzon, krank und konnte nicht fahren.

Um keinen (teuren) Fahrer anheuern zu muessen und trotzdem das versprochene Startgeld kassieren zu koennen (Gordini war immer knapp bei Kasse), stieg Lucas beim Start ins Auto. Es wird niemanden wundern, dass er ausfiel, aber das Startgeld war sicher!

Die Geschichte eines Rennwagens, des Ferrari 750 Monza

Jean Lucas in der Gordini Zeit beim Grossen Preis von Italien 1956

Eines der ersten Dinge, die Lucas an dem gerade erworbenen Monza andern liess, waren die Bremsen. Er liess die altmodischen Trommelbremsen durch (naturlich) franzosische Scheibenbremsen der Marke Messier ersetzen, die wohlgemerkt im Ferrari-Werk montiert wurden! Ist dies der erste Renn-Ferrari mit Scheibenbremsen?

In den Jahren 1955 und 1956 hatte der Monza ein recht ausgefulltes Programm. Das Jahr 1955 begann mit einem Rennen in Dakar, und zuruck in Europa nahm er an den grossen Rennen teil, darunter den 24 Stunden von Le Mans. Der Unfall, der sich dort ereignete, hatte grossen Einfluss auf die Anzahl der Rennen, die in diesem Jahr noch in Europa ausgetragen wurden. Der Ferrari fiel bei diesem Rennen ubrigens mit mechanischen Problemen aus. Spater im Jahr wurde der Wagen (mit oder ohne Lucas am Steuer) bei der Nassau Speed Week, in Buenos Aires und erneut in Afrika eingesetzt. Wieder in Europa im Jahr 1956 nahm er an weniger prestigetrachtigen Sportwagenrennen teil. Ende 1956 wurde das Auto, das auf den europaischen Rennstrecken inzwischen den Maserati unterlegen war, in die USA verkauft, wo verschiedene Fahrer und Besitzer den Wagen weiterhin genossen.

Ende der achtziger Jahre kam das Auto nach Europa zuruck und wurde schliesslich vom Louwman Museum erworben. Eine gruendliche Restaurierung hat den Wagen in den Zustand von Anfang 1955 versetzt, also mit Scheibenbremsen!

Ein in mehr als einer Hinsicht einzigartiges Auto!

Peter Helbach