
Rene Vincent, Illustrator par excellence
8. Januar 2015
EEn der bekanntesten Illustratoren in der Zeit, als Werbung fur Autos weitgehend mit Plakaten gemacht wurde, war der Franzose Rene Vincent (1879-1936). Weltberuhmt in Frankreich und daruber hinaus.
Heutzutage gibt es zahlreiche Moglichkeiten, die Wahl eines Autos zu treffen. Man kann ein Auto immer noch aus traditionellen Prospekten und Autozeitschriften auswaehlen. Das Internet bietet darueber hinaus die Moeglichkeit, das Auto virtuell zusammenzustellen. Ausserdem koennen Autobesitzer online in verschiedenen Foren ihre Erfahrungen teilen. Letzteres ist uebrigens nicht neu, denn bereits in der ersten Haelfte des vergangenen Jahrhunderts verwendete der Autohersteller Packard den Slogan "Ask the man who owns one".
Anfang des letzten Jahrhunderts gab es nur die traditionellen Autozeitschriften. Man schrieb uber Autos – teils von den Herstellern beeinflusst – und daruber, wie hervorragend oder attraktiv sie waren. Die Artikel wurden mit von den Herstellern gelieferten Abbildungen illustriert, meist bestehend aus Seitenansichten.

Mit der Zeit erkannte man, dass das Auto in Aktion gezeigt werden musste, wie es ueber die noch unbefestigten Strassen raste. Dieser charakteristische Stil hielt sich lange, doch Rene Vincent brachte eine Veraenderung.
Rene Vincent wurde in Bordeaux geboren, zog aber bereits im Alter von funf Jahren nach Paris. Sein Vater war ein damals bekannter Publizist, der unter dem Pseudonym Pierre Mael schrieb. Der junge Rene hatte jedoch beschlossen, Architekt zu werden, und studierte an der Ecole Nationale des Beaux-Arts. In seiner Freizeit fertigte er bereits Zeichnungen an, um sein Taschengeld etwas aufzubessern. Seine Arbeiten wurden schnell beliebt, und er begann auch, Bucher zu illustrieren. In dieser Zeit wurde er von dem neuen Phanomen, dem Automobil, fasziniert. Er war einer der ersten in Frankreich mit einem Fuhrerschein. Sein erstes Auto war ein Berliet, von dem er spater viele Auftrage erhalten sollte. Im Jahr 1900 illustrierte er sein erstes Autobuch. Vincent stellte nicht nur Autos dar, sondern zeichnete auch fur viele Modezeitschriften.
Im Gegensatz zur damals geltenden Norm, bei der Geschwindigkeit oft ein dominierendes Thema war, stellte Vincent das tagliche Leben mit dem Automobil dar.

Das machte ihn besonders beliebt. Ausserdem war es vorbei mit dem schwungvollen Stil und dem dazugehorigen Zierrat. Seine Zeichnungen waren klar und schnorkellos. Allerdings wurde seine Arbeit mit vollbusigen schonen Frauen ausgeschmuckt, einem Element, das selten seine Wirkung verfehlte.
Der Ruhm von Vincent ausserhalb Frankreichs wuchs. Er trat in die reiselustigen Fussstapfen seines Vaters. Rene Vincent versuchte sein Gluck in Amerika. Inzwischen hatte er Vertraege mit "Harper’s Bazaar" und "The Saturday Evening Post", damals ausserst prestigetrachtigen Zeitschriften. Diese Zusammenarbeit sollte ganze 25 Jahre dauern.
Auch in Amerika war Vincent sehr gefragt. Er arbeitete von New York aus und seine Auftraggeber sassen uber verschiedene Teile Amerikas verstreut. Er fuehlte sich in Amerika eindeutig zu Hause und sprach fast akzentfreies Englisch. Unter anderem dank seiner Sprachkenntnisse kam er mit vielen prominenten amerikanischen Fachkollegen in Kontakt. Einer von ihnen war Charles Dana Gibson, der Schopfer der "Gibson Girls".

Diese Damen zeichneten sich durch ihre Schonheit aus und verfugten uber das, was man in Amerika die hourglass figure (Sanduhrfigur) nannte. Die von Vincent gezeichneten waren von den Gibson Girls inspiriert. Sie trugen naturlich die neueste franzosische Haute Couture.
Im Jahr 1910 heiratete Vincent Suxanne Locquet, die Tochter des Direktors des franzoesischen Staatsdienstes, der fuer die Ausstattung der Buros der franzoesischen Behoerden zustaendig war. Das Ehepaar liess sich in Paris, in einem vornehmen Teil des Bois de Boulogne, ein stattliches Haus bauen. Sein Schwiegervater wird zweifellos bei der Einrichtung geholfen haben. Unter dem Haus befand sich eine Garage, fuer jene Zeit eine Besonderheit.
Vincent hatte alles, was man sich wuenschen konnte. Die Auftraege der verschiedenen Autohersteller stroemten herein, und auch im gesellschaftlichen Leben war er ein gern gesehener Gast. In natura war Vincent das Ebenbild der maennlichen Typen aus seinen Illustrationen. Bis zur Perfektion gekleidet und von mittlerer Groesse. Sein Sinn fuer Humor war allgemein bekannt und spiegelt sich oft auch in seinen Zeichnungen wider.
Die Liste der Hersteller, fur die Vincent arbeitete, war lang. Unter anderem gehoren Hispano-Suiza, Bugatti, Peugeot, Renault, Georges Irat, Voisin und Minerva zum europaischen Kundenstamm.

Auch ausserhalb Europas machten renommierte amerikanische Marken, darunter Lozier, Lincoln und Packard, eifrig Gebrauch von seinen Diensten. Ubrigens fuhr er vor allem Autos der Marken, fur die er tatig war. Auch Reifenhersteller wie Michelin und Englebert zahlten zu seinen Kunden. Ausserdem arbeitete er fur verschiedene franzosische und amerikanische Publikumszeitschriften.
Wie bei vielen Kunstlern kam Vincent erst in einem etwas spateren Alter auf die Idee, dass er seinen Stil verandern musste. Eine Zeit lang schuf er Werke unter dem Namen "Rageot" oder "Dufour". Bald merkte er, dass dies kein Erfolg war, und fuhrte auf die alte Weise fort. Daran zeigt sich auch seine stark kaufmannische Einstellung. Schliesslich verbrannte er nicht seine Schiffe hinter sich und betrachtete dies als einen gescheiterten Versuch.
Die Krone auf seiner Arbeit war seine Ernennung zum Prasidenten des Bundes der Designer und Kunstler. In dieser Funktion setzte er sich fur die Urheberrechte seiner Mitglieder ein, ein Anliegen, mit dem er ebenfalls erfolgreich war.
Vincent starb im Alter von 57 Jahren. Seine Frau uberlebte ihn noch viele Jahre.
Peter Helbach