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Skiff Karosserie, eine Bootsform auf Raedern?

Skiff Karosserie, eine Bootsform auf Radern?

4. September 2014

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde vorsichtig mit Aerodynamik (Stromlinienform) experimentiert. Die Inspiration fur diesen Trend: ein Boot!

In den Anfangsjahren des Autos spielte Stromlinienform fur die Konstrukteure keine Rolle. Die Wissenschaft der Aerodynamik war mehr oder weniger Neuland, denn die Luftfahrt existierte gerade erst. Bei der Entwicklung des „neumodischen“ Autos wurde der Faktor Luftwiderstand (noch) nicht berucksichtigt. Ein Beispiel: Ein wesentliches Bauteil des Autos aus jener Zeit war der Kuhler. Dieser ist oft gross und muss genugend Luft „einfangen“, damit der Motor gut funktionieren kann. Es gab jedoch durchaus Losungen. Der Kuhler konnte senkrecht an eine dann viel schmälere Motorhaube gesetzt werden, wie es Renault tat. Eine andere Losung bestand darin, den Kuhler tiefer, zwischen den Vorderradern zu montieren, was dieses Bauteil des Autos jedoch anfallig fur Steine und ahnliches machte. Der Vorteil war, dass der Motor mit einer stilisierten Verkleidung mit spitzer Front versehen werden konnte (mit der die Luft „durchschnitten“ werden konnte), die sich schon an die Spritzwand und die Sitze der Fahrer anschloss.

Skiff Karosserie, eine Bootsform auf Radern?

Das Problem war, dass die Vorderseite des Autos jetzt wie ein umgedrehtes Boot aussah!

Von diesen Karosserieformen nahm man sich schnell wieder Abschied. Es gab jedoch einen Karosseriebauer in Paris namens Jean-Henri Labourdette, der die Bootsform durchaus fur die Gestaltung von Aufbauten geeignet fand, bei denen das Heck des Autos aus Holz gefertigt war. In Kombination mit der gewolbten Form weckt dies die Assoziation mit einem Boot.

Eines seiner ersten Designs war eine Karosserie auf einem Fahrgestell eines Panhard & Levassor X19. Das Auto wurde 1912 fur Chevalier Renee de Knyff gebaut, der damals Vorstandsmitglied bei Panhard & Levassor und eine wichtige Person in der franzosischen Autowelt war. Das Karosseriedesign wurde „Skiff“ genannt, aufgrund der Art und Weise, wie der „Rumpf“ aufgebaut war, namlich auf dieselbe Weise wie das gleichnamige kleine Ruderboot.

Das Auto wurde in diesem Jahr auf dem Pariser Autosalon gezeigt und zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Das Heck des Wagens aus Mahagoniholz machte das Fahrzeug deutlich leichter im Vergleich zu einem Auto mit einem Aufbau aus Stahl. Das Heck des Panhard & Levassor von Labourdette war rund. Andere Hersteller, die das „Skiff“ nachahmten, verwendeten die spitzere „Torpedo“-Form, wodurch die Ahnlichkeit mit einem Boot noch grosser wurde. Bald wurden Fahrgestelle anderer Marken fur solche Karosserieformen genutzt. Prestigetrachtige europaische Marken wie Rolls-Royce und Hispano-Suiza wurden mit dem ausgestattet, was im Englischen „boat tail“ genannt wird. Spater folgten die amerikanischen Hersteller.

Bald stellte sich heraus, dass Karosserien aus Holz doch sehr wartungsintensiv sind, und das fand man weniger reizvoll. Daher wurden die Karosserieformen spaeter aus Metall ausgefuehrt. Der Auburn Speedster im Louwman Museum ist hier ein gutes Beispiel dafur.

Skiff Karosserie, eine Bootsform auf Radern?

Jean-Henri Labourdette fertigte auf Basis eines Panhard & Levassor noch eine zweite Version an, die eine grosse Aehnlichkeit mit dem urspruenglichen Modell aufweist. Vor Jahren wurde dieses Auto vom Louwman Museum erworben. Eine umfassende Restaurierung war noetig, denn der urspruengliche hölzerne Heckbereich befand sich in einem erbarmlichen Zustand. Die urspruenglichen Zeichnungen befanden sich im Besitz des Louwman Museums, und eine sorgfaeltige Restaurierung folgte. Der Skiff-Bereich wurde von einem Bootsbauer auf Grundlage der vorhandenen Unterlagen nachgebaut, doch der Rat von Jean-Henri Labourdette selbst war willkommen. Trotz seines inzwischen hohen Alters hat er sich damit beschaeftigt.Das Endergebnis, wie es im Louwman Museumzu bewundern ist, wirkt ansprechend und vermittelt einen Eindruck von einem wichtigen Modetrend in der Anfangszeit des Automobils.

Skiff Karosserie, eine Bootsform auf Radern?

Wie bereits erwaehnt, war die „Torpedo“ eine Karosserieform, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte. Auch die deutsche Marke Benz entwickelte fuer die „Prinz Heinrich Fahrt“ ein Auto mit einer Torpedo-Karosserie. Kennzeichnend ist die fliessende Linie von der Vorderseite des Autos bis nach hinten, die nicht durch hervorstehende Karosserieteile gestoert wird. Diese Form war revolutionaer, denn bis dahin bestanden Autos aus drei hintereinander angeordneten „Bloecken“: dem Motor mit Verkleidung, dem Passagierabteil und dem Kofferraum. Mit dem Aufkommen der „Torpedo“ hielt die „Stromlinie“ endgueltig Einzug!

Skiff Karosserie, eine Bootsform auf Radern?

Ein viel fruheres Fahrzeug, die "Jamais Contente", mit der der Belg Camille Jenatzy als Erster die magische Grenze von 100 km pro Stunde durchbrach, war vom Design her sehr stromlinienformig. Wenn Sie sich auf dem hier gezeigten Gemaelde von Frederic Gordon-Crosby das Bild dieses Autos in voller Fahrt ansehen, konnen Sie das gut erkennen. Allerdings mindern die Haltung und die Position des furchtlosen Fahrers die aerodynamische Effizienz etwas.

Skiff Karosserie, eine Bootsform auf Radern?

Die teilweise aus Holz gefertigte Karosserie erlebte in den dreißiger und vierziger Jahren in Amerika eine Wiederbelebung. Nun war es nicht das Heck, sondern die Seiten der Autos, die aus Holz ausgefuhrt wurden. Solche Modelle, Woodies genannt, erfreuten sich in Amerika einer kurzzeitigen Beliebtheit. Oft handelte es sich dabei um sogenannte Station Wagons. Diese Autos waren dafur gedacht, Hotelgaste vom Bahnhof abzuholen und sie dann zusammen mit ihrem Gepack zu ihrem Zielort zu bringen. Einige europaische Hersteller ubernahmen diese Bauweise, aber wie schon in den Anfangsjahren war diese Modeerscheinung nur von begrenzter Dauer. Die Geschichte wiederholt sich.

Peter Helbach