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Bergrennen: eine weniger bekannte Disziplin des Motorsports

Bergrennen: eine weniger bekannte Disziplin des Motorsports

3. Januar 2014

Eine Form des Motorsports, fuer die das internationale Interesse in den letzten Jahren zurueckgegangen ist, ist das Huegel- oder Bergrennen.

Die Idee ist, ein geeignetes Stuck ansteigender Strasse zu finden (vorzugsweise schmal und mit einigen Kurven), das mit einem Auto oder Motorrad so schnell wie moglich zuruckgelegt werden muss. Der Start (jeder Teilnehmer startet einzeln) und das Ziel liegen also an verschiedenen Orten. Die Aufgabe wirkt einfach, ist es aber ganz und gar nicht.

Bergrennen sind vielleicht sogar alter als das traditionelle Rennen auf offentlichen Strassen. So wurde im Suden Frankreichs um 1900 der Berg 'La Turbie' in der Umgebung von Nizza befahren. Die deutsche Marke Daimler war dort stark vertreten. Diese Autos wurden von Emile Jelinek gemeldet, einer prominenten Person aus der Region, der eine Tochter hatte, die spater weltberuhmt wurde: Mercedes.

Der bergaufstieg ist eine anstrengende tatigkeit fur auto und fahrer. Das auto wird auf eine ganz andere weise auf die probe gestellt als bei einem normalen rennen. Der fahrer muss hart arbeiten, um sein auto so schnell wie moglich nach oben zu bringen. In vielen fallen ohne servolenkung und bremskraftverstarker, also kein leichtes unterfangen!

Es ist relativ einfach, ein Bergrennen zu organisieren; die Strecke lasst sich gut absperren und ist dadurch weniger gefahrlich, was kreuzende Tiere und Menschen betrifft. Wer die Strecke am schnellsten zurucklegt, hat gewonnen. Wenn der Parkplatz oben (also am Ende des Anstiegs) voll mit Autos ist, wird eine Pause eingelegt, damit alle in Ruhe wieder hinunterfahren konnen.

Die meisten Bergrennen werden auf offentlichen Strassen veranstaltet. Feste Tribunen und ein Fahrerlager fehlen, sodass die Teilnahme an oder der Besuch eines Bergrennens eher an ein gehobenes Picknick erinnert.

Nichts konnte jedoch weniger der Wahrheit entsprechen. Unter anderem in England, Frankreich und Italien wird diese Form des Motorsports noch immer betrieben, wenn auch nur auf nationaler Ebene. Der gegenseitige Wettbewerb und die Vielfalt an Klassen machen solche Veranstaltungen zu einem wahren Volksfest. Die Zeit, in der der Sport „gross“ war, etwa mit einer Europameisterschaft, liegt leider weit hinter uns.

Die erste Glanzzeit lag vor dem Zweiten Weltkrieg, in den dreissiger Jahren. Damals kaempften Auto Union und Mercedes Benz um die Bergmeisterschaft. Dazu gehoerten mehrere Passstrassen, die, bevor es Tunnel gab, bei Urlaubern beruechtigt und beruehmt waren. Etwa der Grossglockner, der Klausenpass und sogar der St. Bernhard. Allein die Vorstellung, mit einem Monster von 500 PS oder mehr moeglichst schnell solche Berge zu erklimmen, muss selbst fuer abgebruehte Tempoteufel wie Carracciola und Rosemeyer ein besonderes Gefuehl gewesen sein. Einer der erfolgreichsten Fahrer in dieser Disziplin war damals Hans Stuck, der zunaechst Sportwagen fuer Austro Daimler und Mercedes Benz (vor 1933) und spaeter Grand Prix Wagen fuer Auto Union pilotierte.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war er ein gefuerchteter Gegner fuer die etablierten Namen der Grands Prix. Eine besondere Tat von Stuck darf nicht unerwaehnt bleiben: 1936 besuchte Auto Union England, um dort am Bergrennen von Shelsey Walsh teilzunehmen, einem kurzen, aber tueckischen Huegel. Das typische englische Wetter stand einem Rekord im Weg, doch bis heute spricht man mit Ehrfurcht ueber seine damaligen Leistungen.

Bergrennen: eine weniger bekannte Disziplin des Motorsports

Hans Stuck in Aktion auf Shelsey Walsh 1936

Frederick Gordon-Crosby fertigte anlasslich dieses Besuchs eine Karikatur von Stuck an, die im Louwman Museum zu sehen ist. Stuck war der einzige Auslander, der auf diese Weise verewigt wurde.

Bergrennen: eine weniger bekannte Disziplin des Motorsports

Karikatur von Hans Stuck von Gordon Crosby im Louwman Museum

Die Strecken unterschieden sich stark voneinander. Von den langen Anstiegen in den Alpen bis zu kurzen Kursen in England, die inzwischen uebrigens alle in Privatbesitz sind. Sogar die Niederlande hatten einmal ein Bergrennen. Bei Vaals wurde einige Jahre lang ein Anstieg gefahren, der Teil der Landesmeisterschaft war. In den sechziger Jahren waren Bergrennen ein ganz normaler Bestandteil zum Beispiel der Tourenwagenmeisterschaften, die im Uebrigen auf Rundstrecken ausgetragen wurden.

Die naheliegendsten Autos, um ein Bergrennen zu gewinnen, waren naturlich die Grand-Prix-Wagen und nach 1950 die F1-Autos. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg gab es jedoch keine Meisterschaft mehr fur diese Art von Fahrzeugen. Fuer ein hohes Startgeld waren manchmal noch F1-Autos am Start, vor allem in der Schweiz. Seit 1955 waren in diesem Land Rundstreckenrennen verboten (infolge der Nachwirkungen der Katastrophe von Le Mans in jenem Jahr), aber Bergrennen waren erlaubt. So bekamen die Schweizer doch noch die echten Grand-Prix-Wagen zu sehen.

Die zweite Hochphase der Bergrennen waren die sechziger Jahre. Mehrere Marken, Ferrari, Porsche, BMW und Abarth, kaempften um die Ehre. Bekannte Strecken aus dieser Zeit waren unter anderem Mt. Ventoux (F), Ollon-Villars und Sierre-Crans-Montana (CH), Rossfeld (D) und Trento Bondone (I). Alle waren lang und sehr anspruchsvoll. Die Autos, die an dieser Meisterschaft teilnahmen, hatten laut Reglement einen maximalen Hubraum von 2 Litern (ohne Turbo), waren federleicht (ca. 450 kg) und hatten eine maximale Leistung von 250 PS. Porsche setzte Achtzylinder ein, waehrend Ferrari sogar „alte“ zwoelfzylinder Formel-1-Motoren aus den fruehen sechziger Jahren auf 2 Liter aufbohrte. BMW und Abarth verwendeten die eher traditionellen Vierzylinder-Aggregate.

Eine italienische Marke, die in dieser Disziplin sehr erfolgreich war, war Abarth. Diese Marke spezialisierte sich auf Tourenwagen und kleine Sportwagen und war damit sehr erfolgreich. Boesartige Zungen behaupteten, dass die Motoren so stark getunt waren, dass langere Distanzen (als ein Bergrennen) schon zu viel gewesen waren!

Neben dem bereits erwahnten Stuck (der auch nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv war) gab es nicht allzu viele „bekannte“ Fahrer, die sich „King of the Hill“ nennen durften. Die Deutschen Rolf Stommelen und Gerhard Mitter sowie Luduvicio Scarfiotti aus Italien schafften den Sprung in die Formel 1, aber viel mehr waren es nicht.

Dieser Artikel vermittelt vielleicht den Eindruck, dass dies ein typisch europaisches Ereignis ist. Das stimmt nicht ganz. In Amerika gibt es das Bergrennen am Pikes Peak, teilweise auf unbefestigter Strecke. Der Rekord wird seit Kurzem von Sebastien Loeb gehalten.

Sollten Sie jemals die Gelegenheit haben, an einer hochwertigen Veranstaltung teilzunehmen, wuerden wir dies als eine Chance betrachten, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten!

Peter Helbach