
Bugatti gegen Ferrari, Gegensatze und Gemeinsamkeiten
3. Januar 2014
Der Besitz eines originalen Bugatti oder Ferrari ist begehrenswert und hat in den letzten Jahren zu einem enormen Wertzuwachs der Automobile beider Marken gefuhrt.
Leider ist das Verlangen mancher so gross, dass in grosser Zahl Repliken gebaut werden.
Im Fall von Bugatti sind heute vermutlich mehr Exemplare unterwegs, als jemals vom Werk gebaut wurden, und vor Kurzem hat das beruhmte Ferrari-Modell GTO mehr als das Doppelte von dem eingebracht, was Henry Ford Berichten zufolge in den sechziger Jahren fur das gesamte Ferrari-Werk bezahlen wollte!
Heutzutage werden die Marken Bugatti (Eigentumer Volkswagen) und Ferrari (Eigentumer Fiat) anders wahrgenommen. Beide Marken gehoren in Bezug auf Technologie und Ausstrahlung zum obersten Segment des Marktes. Dasselbe gilt fur den Anschaffungswert.
Als beide Marken noch eigenstandig waren, trafen die genannten Qualitaten zum Teil ebenfalls zu. Schauen Sie sich zum Beispiel einmal die Motorbloeke an; sie sind ein echter Hingucker. Der Bugatti Motor ist an seinem sehr klaren und hochwertig verarbeiteten Aussehen zu erkennen, wahrend das Ferrari Triebwerk pure Kraft ausstrahlt. Die Behauptung, dass die Pferde des Ferrari Motors in Wirklichkeit nur Fohlen waren, wurde durch die Leistungen im Rennsport widerlegt. Im Louwman Museum ist ein experimenteller Vierzylinder Motor mit 3 Litern Hubraum zu sehen, der von Lampredi entworfen wurde.
Das Autorennen ist ebenfalls etwas, womit Bugatti sich einen grossen Namen gemacht hat, wenn auch in einer fruheren Epoche als Ferrari. In beiden Fallen diente der Verkauf von normalen Autos teilweise zur Finanzierung der Rennabteilung.
Der Einsatz von Autos im Rennsport hat allgemein langfristig positive Auswirkungen auf Serienfahrzeuge, so lautet das Credo. Das stimmt durchaus. Vieles von dem, was bei modernen Autos gangig ist, hat seinen Ursprung im Rennsport.
Wenn man die technische Entwicklung der Marken Bugatti und Ferrari genau betrachtet, sieht man, dass diese Marken eine voellig gegensaetzliche Strategie verfolgten. Wir lassen dahingestellt, ob dies bewusst geschah oder nicht. Bei Bugatti machten vor allem die Aufhaengung und in geringerem Masse die Motoren der Autos nicht die Entwicklung durch, die man anderswo beobachten konnte. Diese Komponenten der Rennwagen waren im Grunde altmodisch (Starrachsen und nur begrenzte Weiterentwicklungen im Motorenbereich). Die Folge war, dass sich die Serienfahrzeuge nach und nach von echten Sportwagen zu dem entwickelten, was man heute Grand Tourismos nennen wuerde. Bei Ferrari waren vor allem die Motoren beruehmt. Die Fahrwerke waren zwar gut, aber manchmal nicht von einer Qualitaet, die es erlaubte, die verfuegbaren Pferdestaerken optimal zu nutzen. Dies fuehrte dazu, dass die Serienfahrzeuge von Ferrari den Ruf erhielten, mehr oder weniger als verkappte Rennwagen zu gelten.
Was das Styling angeht, gibt es naturlich deutliche Unterschiede. Bis heute sind die authentischen Bugattis wunderschon anzusehen, aber das Design wird in gewisser Weise durch den Kuhler begrenzt. Ettore Bugattis Liebe zu Pferden findet sich in allen Bugattis in der Form dieses Teils wieder, einem Hufeisen. Dadurch wird die Form der Motorhaube bestimmt, selbst wenn das Auto mit einer Karosserie eines Dritten wie Gangloff versehen war, der viele Aufbauten fur Bugatti fertigte. Ein weiterer Aspekt waren die Bremsen. Dieses nicht unwichtige Bauteil war etwas, zu dem Bugatti Folgendes zu sagen hatte: "Autos sind dazu gemacht zu fahren, nicht zu bremsen", Zitatende.

Bugatti T35 mit charakteristischem Kuhler
Bei Ferrari war dies anders. Mit Designern wie Colombo und Lampredi im Haus war diese Marke sicher, uber ausreichend Pferdestarken zu verfugen. Manchmal schien es, als sei man langsam bei der Einfuhrung neuer Technologien, wie auch wieder bei den Bremsen. Besonders in Le Mans, wo Jaguar Anfang der funfziger Jahre mit Wagen mit Scheibenbremsen den Ton angab, hat Ferrari in gewisser Weise das Boot verpasst. Mehr noch, der Ferrari 750 Monza, der sich im Louwman Museum befindet, wurde vom damaligen Besitzer, dem Franzosen Jean Lucas (einem guten Bekannten von Ferrari), fur das 24-Stunden-Rennen 1955 mit Scheibenbremsen franzosischer Herkunft ausgestattet.
Als die Engländer Ende der funfziger/Anfang der sechziger Jahre den Motor im Heck eines Formel-1-Wagens einbauten (wie bekannt schon fruher u. a. von Auto-Union in den dreissiger Jahren gemacht), zeigte sich, wie effektiv dies im Vergleich zur traditionellen Anordnung war. Ferrari fuhr zu lange mit den „alten“ Wagen weiter, und als man schliesslich auf das neue Denken umstellte, hatte man einen Ruckstand. Doch wie so oft wurde Ferrari durch den uberlegenen Motor des Wagens gerettet, mit dem Phil Hill 1961 nach dem Unfall von Wolfgang von Trips in Monza sogar Weltmeister wurde. Die Form der Front dieses Wagens brachte ihm den Spitznamen „Sharknose“ ein.

1961 Ferrari 156 F1 'Sharknose'
Das Obige konnte beim arglosen Leser den Eindruck erwecken, dass es um Ferrari nicht besonders gut steht. Nichts konnte falscher sein. Der Ruf der Marke ist uberragend. Es ist die einzige Marke, die seit Beginn der Formel 1 dabei ist – und wie! Die Erfolgsbilanz umfasst zahlreiche Weltmeistertitel, nicht nur bei den Fahrern, sondern auch bei den Konstrukteuren. Dies hat langfristig naturlich einen grossen Einfluss auf die Qualitat der Autos, die in den letzten Jahren enorm gestiegen ist.
Woruber noch oft diskutiert wird, ist welcher Ferrari Typ am meisten anspricht. Motor vorne oder Motor hinten? Darauf eine Antwort zu geben ist schwierig, aber wenn man sich die Preise auf Auktionen ansieht, scheint es der Frontmotor zu sein. Zur Klarstellung: Das Louwman Museum hat ausschliesslich Ferraris mit Frontmotor!
Peter Helbach