
Die besonderen Maharadscha Autos im Louwman Museum
3. Januar 2014
In der ersten Halfte des zwanzigsten Jahrhunderts war Indien teils muslimisch, teils hinduistisch, und es gab eine sehr starke Klassentrennung, die sogenannten Kasten. Im Gegensatz zu Europa, wo soziale Unterschiede mehr oder weniger stillschweigend gemacht werden. Man wusste damals genau, zu welcher Kaste man gehorte, und anders als durch Heirat blieb man ihr zugehorig. Je hoher die Kaste, desto wichtiger ist eine Person.
Der Maharadscha (Hindu) beziehungsweise Nizam (Muslim) entsprach in etwa dem, was man in Europa als „koenigliche“ Wuerde bezeichnen wuerde. Darunter stand das Kastensystem mit seinen verschiedenen Abstufungen. Es duerfte klar sein, dass die oben genannten Titel den „Rulers“ der vielen Regionen vorbehalten waren, die das riesige Indien umfasste. Um die Sache weiter zu verkomplizieren, hatten die Engländer, die damals noch das Sagen hatten, die verschiedenen Gebiete nach ihrer Bedeutung eingestuft. Dieser Unterschied zeigte sich in der Anzahl der Salutschuesse, die bei passenden Gelegenheiten abgefeuert wurden. Der wichtigste Staat war Haiderabad mit 23 Schuessen. Es gab auch Gebiete ohne Salutschuesse!
Haiderabad war der wichtigste Staat, weil er einer der grossten und bei weitem der wohlhabendste war. Der Reichtum des Nizam war legendär, und in den dreissiger Jahren gehörte er zu den reichsten Menschen der Welt.

Der Nizam von Hyderabad
Es heisst, er besass so viele Perlen, dass man damit ein Schwimmbecken in Olympiagrosse fullen konnte. Das Fortbewegungsmittel des Nizam war naturlich ein Rolls-Royce, auf dem ein grosser Thron errichtet war. Es verwundert daher nicht, dass sein Hofstaat uber mehrere ausserst elegante und luxuriose Fahrzeuge verfugte.
Eines davon war ein Auto, das als Silver Phantom of Hyderabad bekannt ist. Es handelt sich um einen RR Phantom I mit einer stilvollen Karosserie von Barker, der auch als Hoflieferant von Rolls-Royce bezeichnet wird. Der Besitzer dieses Wagens war der Premier von Haiderabad. Dieser Mann, der Nawab, hatte eine traditionelle englische Ausbildung genossen (Eton, Cambridge und Sandhurst), sodass die Wahl der Automarke mehr oder weniger auf der Hand lag. Das Problem bei einem Wagen wie diesem Phantom war, dass er nur eingeschrankt genutzt wurde. Selbstverstandlich wurde er hervorgeholt, um hochrangige Besucher zu befordern, wie den ehemaligen und vor allem nur kurzzeitigen Konig Edward VIII. sowie den Vizekonig von Indien, aber damit hatte es sich dann auch.

1926 Rolls-Royce 40/50-HP Phantom Barker Torpedo Tourer
Die Anwesenheit von zwei grossen Scheinwerfern in Hoehe der Windschutzscheibe koennte darauf hindeuten, dass dieses Auto auch eingesetzt wurde, um gegen Abend noch etwas Wild zu erlegen. In solchen Kreisen war dies eine beliebte Beschaeftigung.
In spateren Jahren geriet das Auto ausser Gebrauch, fand aber ein neues Leben im Hochzeitscircuit. Hochzeiten in Indien werden immer gross gefeiert, und welches Verkehrsmittel eignet sich besser, um Braut und Brautigam zu fahren, als ein ehemaliger Hofwagen? Zahlreiche junge Paare haben das Auto fur den wichtigsten Tag ihres Lebens genutzt.
Dieses Auto wurde viele Jahre spaeter von einem englischen Sammler entdeckt, dem es schliesslich gelungen ist, den Wagen zu erwerben. Nachdem es einige Zeit in einem Museum in England gestanden hatte, ging das Auto in den Besitz des Louwman Museum ueber.
Neben dem Rolls-Royce beherbergt das Museum noch ein weiteres Auto, das fur den Gebrauch in Indien bestimmt war. Dieses Auto war ursprunglich im Besitz von jemandem, der in Indien viel Geld verdient hatte und dies offenbar fur alle sichtbar machen wollte. Dieser Mann, der Schotte Robert "Scotty" Matthewson, lebte in Kalkutta.
Kalkutta war damals die zweitgroesste Stadt des Britischen Kaiserreichs (nach London), und in dem Teil der Stadt, in dem Matthewson lebte, gab es einen grossen See mit einer grossen Schwanenpopulation. Dies, in Kombination mit seinem Wunsch, ein auffalliges Fahrzeug zu besitzen, hat ihn wahrscheinlich dazu gebracht, in England ein Fahrzeug bauen zu lassen, das spaeter als Swan Car bekannt wurde. Der Hersteller war Brooke, ein relativ unbekannter Autohersteller, der in der maritimen Welt als Motorbootbauer eher zu Hause war. Geld war kein Hindernis, und es wurden weder Kosten noch Muehen gescheut, um ein ins Auge fallendes Fahrzeug zu schaffen. Die Wahl von Brooke anstelle von zum Beispiel Rolls-Royce war dennoch auffaellig. Boese Zungen behaupteten uebrigens, dass Rolls-Royce nicht bereit gewesen sei, an einem derart extremen Fahrzeug mitzuwirken und daher, aeusserst hoeflich natuerlich, abgelehnt habe.

1910 Brooke 25/30-PS Swan Auto
Das Aussehen entsprach dem einer Schwan, vermutlich inspiriert vom Swan Park in Kalkutta, wo Matthewson lebte. Es wurde eine Karosserie aus Hartholz gewahlt, was dem Auto ein Gewicht von etwa 3.000 kg verleiht. Die Ausstattungsmerkmale des Wagens sind bekannt: eine Orgel, heisses Wasser aus dem Schnabel des Schwans und Bursten, um die Reifen zu reinigen.
Der Motor, ein fruher Sechszylinder, lieferte fur jene Zeit eine recht ordentliche, gemessen am Gewicht des Wagens jedoch begrenzte Leistung. Es war jedoch wohl nie beabsichtigt, damit hohe Geschwindigkeiten zu erreichen!
Das Auto wurde mit einer Flasche Champagner im Swan Park getauft, nach dem das Auto benannt wurde. Die erste Teilnahme am Verkehr von Kalkutta fuhrte zu Schlagzeilen: Frauen begannen zu kreischen und Das auf der Strasse laufende Vieh stob in alle Richtungen auseinander. Und das, obwohl der Verkehr in Kalkutta zu dieser Zeit (April 1910) bereits sehr dicht und unubersichtlich war. Die Reaktion der Behorden war vorhersehbar, und das Swan Car durfte nicht mehr auf der Strasse erscheinen.
Matthewson beschloss schliesslich, sein Auto zu verkaufen. Ein Kaufer fand sich in der Person des Maharadschas von Nabha, einem Gebiet ein paar hundert Kilometer noerdlich von Delhi. Nabha war eines der kleineren Fuerstentuermer (2400 km2) mit "nur" 13 Salutschuessen.
Nach einem Konflikt mit dem benachbarten Furstentum wurde dieser Maharadscha zum Rucktritt gezwungen. Sein Sohn, damals 9 Jahre alt, folgte ihm nach einer Regentschaft im Jahr 1940 nach. Fur diesen Sohn wurde der Cygnet (Baby Swan) gebaut, der heute eine Einheit mit dem Swan Car bildet. Die Autos wurden nur noch selten genutzt, und in den achtziger Jahren wurde ein Teil des Fuhrparks des Maharadschas von Nabha verkauft, darunter auch das beruhmte Swan Car. Beide Autos wurden vom Louwman Museum erworben und einer sehr umfangreichen Restaurierung unterzogen.
Der Swan Car ist fur viele das bekannteste Auto des Museums.
Peter Helbach