
Eine Trilogie Daimler (Teil 1)
24. April 2014
Gottlieb Daimler und Karl Benz sind untrennbar mit der Entstehung des Verbrennungsmotors und des Automobils verbunden. In einem Artikel in einem fruheren Newsletter wurde Benz bereits behandelt, aber Daimler ist mindestens ebenso interessant.
Die Marke Daimler existiert fast schon so lange wie das Auto selbst. Das ist wahrscheinlich allgemein bekannt. Was jedoch vielleicht nicht jeder weiss, ist, dass Daimler verschiedene Erscheinungsformen hatte, die vom Herkunftsland abhangig waren. Diese waren Deutschland, England und Osterreich.

Anfang der 1890er Jahre arbeitete Daimler beim deutschen Unternehmen Deutz an einem Verbrennungsmotor. Nachdem er genug Geld verdient hatte, um sich selbststandig zu machen, liess er sich in Canstatt nieder, wo er zusammen mit Wilhelm Maybach eine Werkstatt eroffnete und den Verbrennungsmotor weiterentwickelte. Schliesslich entstand ein luftgekuhlter Einzylindermotor, der etwa 1,5 PS leistete. Daimler baute diesen Motor in ein fahrzeugahnliches Gefahrt ein, das einem Motorrad ahnelte. Wie in den Annalen vermerkt ist, ist dies das einzige Motorrad, das Daimler (und ihre sogenannten "Nachfolger") jemals bauen sollten. Diese "Einspur" wurde auch "Reitwagen" genannt, weil die Sitzhaltung der eines Reiters ahnelte. In gewisser Weise wies die "Einspur" bereits moderne Merkmale auf, wie Rader gleicher Grosse, einen Drehgasgriff und eine flexible Aufhangung des Motors. Das Fahrzeug hatte Holzrader und kleine Stutzrader an den Seiten, um ein Umkippen zu verhindern, und gilt als das erste Motorrad der Welt mit Benzinmotor.

In der Umgebung von Cannstatt wurden mit diesem Fahrzeug umfangreiche Versuche durchgefuhrt. Maybach war jedoch der Ansicht, dass ein „echtes“ Auto gebaut werden musste, und das geschah schliesslich auch. Ein vierradiges Fahrzeug mit vier Sitzplatzen erblickte das Licht der Welt und wurde auf der Weltausstellung in Paris 1889 prasentiert, wo das Interesse enorm war. Das Auto hatte einen Rohrrahmen und Stahlrader mit Drahtspeichen, daher der Name „Stahlradwagen“. Der Motor war inzwischen ein V-formiger Zweizylinder. Die franzosischen Automobilhersteller Peugeot und Panhard & Levassor interessierten sich vor allem fur den Daimler-Motor und verwendeten ihn auch in ihren ersten Autos, bevor sie die Motorenentwicklung selbst in die Hand nahmen.
Es war jedoch eine unruhige Zeit. Daimler und Maybach kehrten „ihrem“ Unternehmen den Rucken und gingen ihre eigenen Wege. Diese Zeit ist als die „Hotel Hermann“-Periode bekannt, benannt nach dem Hotel, in dem die Herren wohnten. In dieser Zeit entwickelte Daimler den „Verdampfer“-Vergaser, der spater den sogenannten Oberflachenvergaser ablosen sollte. Der Streit zwischen den Herren Daimler und Maybach einerseits und dem Werk andererseits wurde beigelegt, und nach einiger Zeit kehrten sie in das alte Unternehmen zuruck. Die Kreativitat war noch nicht verloren, und 1899 wurde ein Vierzylindermotor mit nicht weniger als 28 PS entwickelt, der in ein Auto eingebaut wurde, das von Emil Jellinek gekauft wurde, einem Geschaftsmann und zugleich Konsul aus Nizza. Er gab seinem Auto den Namen seiner Tochter, Mercedes.
Der Einfluss von Jellinek auf die Unternehmenspolitik bei Daimler war gross. Er wurde in den Vorstand als Kommissar berufen und sorgte fuer die steigenden Verkaeufe der Marke. Im Jahr 1902 erhielten die Automobile von Daimler den Markennamen Mercedes. Lastwagen und aehnliche Fahrzeuge behielten den Namen Daimler.
Einige Direktionsmitglieder von Daimler grundeten 1899 in Berlin eine Autofabrik namens M.M.B. Die von diesem Unternehmen hergestellten Wagen kamen jedoch nicht an die Qualitat der „originalen“ Marke heran. Nach dem Tod von Gottlieb Daimler im Jahr 1902 wurde diese Fabrik von dem „echten“ Daimler ubernommen. Unter dem Namen Daimler-Marienfelde (Berlin) bzw. Milnes-Daimler (in England) wurden danach Nutzfahrzeuge produziert. Neben dem „abtrunnigen“ M.M.B. gab es jedoch noch weitere Fabriken, die den Namen Daimler fur ihre Produkte fuhrten.
Am bekanntesten ist wohl die englische Variante, die naturlich ebenfalls Daimler heisst. Im Jahr 1893 erwarb F.R. Simms die Rechte an Daimler-Motoren. 1896, nachdem er sich dem Industriellen H. J. Lawson angeschlossen hatte, wurden die ersten Autos ausgeliefert. Einige waren importiert, andere waren im Grunde Kopien bestehender Daimler-Modelle. Ubrigens war Gottlieb Daimler Direktor (Aufsichtsrat) in diesem Unternehmen.
Die Tatsache, dass der damalige Prinz von Wales, der spaetere Koenig Edward VII., einen Daimler kaufte, verlieh der Marke sofort ein gewisses Ansehen. Die Wagen wurden mit einem Kuehler ausgestattet, der an der Oberseite geriffelt war, ein Merkmal, das die Marke Daimler all die Jahre ueber sehr wiedererkennbar machte. Die „englische Abteilung“ ging ihren eigenen Weg und produzierte Autos, die von vergleichbarer Qualitaet waren wie die Produkte aus Deutschland. In den zwanziger Jahren fertigte Daimler das Spitzenmodell Double Six, ein sehr grosses Auto mit einem zwoelfzylindrigen Schiebermotor. Auch dieses Fahrzeug sorgte fuer eine anhaltende Kundschaft aus dem englischen Koenigshaus, worueber Rolls-Royce in jener Zeit wohl weniger erfreut gewesen sein duerfte.

Veranderungen im Management nach dem Zweiten Weltkrieg fuhrten zu neuen Einsichten. Ein anschauliches Beispiel dafur ist der Golden Zebra Daimler, der im Auftrag von Lady Docker gebaut wurde. Dieses mit Zebrafell ausgestattete Modell, das auf der London Motor Show viel Aufmerksamkeit, aber keine Kaufer fur die anderen Modelle von Daimler auf sich zog, ist ubrigens im Louwman Museum zu sehen. Seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnten Jaguar Automobile als Daimler geliefert werden (unterscheidendes Merkmal: der gerippte Kuhlergrill), doch heute ist die ruhmreiche Marke Daimler zumindest vorubergehend von der Bildflache verschwunden.
Dasselbe, was sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts in England ereignete, vollzog sich auch in Osterreich. Daimler grundete dort eine Tochtergesellschaft in Wiener-Neustadt, wo zunachst die Produktion von 100 Daimlern geplant war. Dieser Standort hiess, auch mit Blick auf das Land der Niederlassung, Austro-Daimler. Im Jahr 1906 wurde die osterreichische Tochter finanziell vom Mutterunternehmen in Cannstatt losgelost und ging mehr oder weniger ihren eigenen Weg. Kurz darauf wurde ein talentierter Techniker, Ferdinand Porsche, als Konstrukteur und Direktor eingesetzt. Sein Einfluss machte sich bald bemerkbar. Wie das ehemalige Mutterunternehmen engagierte sich auch Austro-Daimler im Rennsport. Ein wichtiger Erfolg wurde bei der Prinz Heinrich Fahrt von 1910 erzielt, die Ferdinand Porsche, am Steuer eines seiner eigenen Entwurfe, gewann.

Die osterreichischen Autos waren im Allgemeinen sportlicher ausgelegt als die Produkte des ehemaligen Mutterunternehmens. Ende der zwanziger/Anfang der dreissiger Jahre war Hans Stuck am Steuer eines Austro-Daimler bei Bergrennen sehr erfolgreich.
Ferdinand Porsche kehrte 1923 zu Daimler in Deutschland zuruck, aber sein Nachfolger Rabe fuhrte seine Tradition insofern fort, als Austro-Daimler weiterhin hochwertige Autos produzierte. Ende der zwanziger Jahre ging man eine Zusammenarbeit mit der ehemaligen Waffenfabrik Steyr ein, die inzwischen Fahrzeuge herstellte, sowie mit dem ebenfalls osterreichischen Unternehmen Puch. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand Austro-Daimler fast vollstandig. Man baute nur noch kleine Fiats in Lizenz, doch in den siebziger Jahren stellte man die Produktion von Personenkraftwagen ein. Steyr wurde inzwischen von dem kanadischen Unternehmen Magna ubernommen.
Die Produkte von Gottlieb Daimler hatten also inzwischen in drei Landern Fuss gefasst, aber das eigene Land blieb naturlich wichtig. Die Namen Daimler und Benz, untrennbar mit der Entstehung des Automobils verbunden, arbeiteten seit Anfang der zwanziger Jahre zusammen, und dies mundete schliesslich in einer Fusion, bei der der Name Mercedes noch prominenter in Erscheinung trat. Der Konzern hiess Daimler Benz, aber alle Fahrzeuge wurden Mercedes genannt. Dank der Tochter von Emil Jellinek.
In Teil 2 beschreiben wir die Entwicklung dieser neuen inzwischen sehr prominenten Marke.
Peter Helbach