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Piero Taruffi, ein unterschatzter Rennfahrer.

Piero Taruffi, ein unterschatzter Rennfahrer.

31. Oktober 2014

Piero Taruffi war nicht nur ein begabter Motorrad- und Automobilrennfahrer, sondern auch ein sehr kompetenter Ingenieur. Sein technisches Wissen war von großem Wert fur die Hersteller, fur die er Rennen fuhr.

Piero Taruffi (1906-1988) kam schon fruh in seinem Leben mit dem Motorsport in Beruhrung. Bereits in jungen Jahren entwickelte er sich zu einem sehr guten Fahrer, der auf einem Norton-Motorrad viele lokale Erfolge erzielte. Seine Uberzeugung, dass diese englische Marke besser war als die dennoch zahlreichen italienischen Marken, erwies sich als zutreffend. In seiner Anfangszeit hatte er es mit Konkurrenten wie Nuvolari und Varzi zu tun, die beide spater als Grand-Prix-Fahrer auf vier Radern Ruhm erlangten.

Piero Taruffi, ein unterschatzter Rennfahrer.

Schon recht bald wechselte auch Taruffi von Motorradern zu Autos. 1930 nahm er zum ersten Mal an der damals bereits legendaren Mille Miglia mit einem 2-Liter-Bugatti teil, was ihm den 40. Platz einbrachte. 27 Jahre spater sah das anders aus, doch dazu spater mehr.

Anfangs kombinierte er die Teilnahme an Auto und Motorradrennen, aber der Automobilsport uebte doch die groesste Anziehungskraft aus. Im Automobilrennsport setzte Taruffi vor allem Maseratis ein, darunter den Typ 8CM, einen dreiliter achtzylinder Grand Prix Wagen. Der Wagen, mit dem Taruffi fuhr, war kurze Zeit im Besitz von Tazio Nuvolari, der spaeter im Maserati Werk ein aehnliches Auto kaufte, mit dem er 1934 den GP von Belgien gewann. Dieses letzte Auto ist im Louwman Museum zu sehen.

Taruffi entwickelte sich zu einem soliden Fahrer im Mittelfeld. Neben Grand Prix Rennen fuhr er in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg auch Rennen in England und Sudafrika.

Eines von Taruffis Hobbyprojekten war das Brechen von Geschwindigkeitsrekorden. 1937 hatte er mit der Rondine-Gilera, einem sehr stromlinienformigen 500-ccm-Motorrad, unter anderem den Weltgeschwindigkeitsrekord mit einer Geschwindigkeit von 274,181 km/h gebrochen. In bester Tradition jener Zeit wurde dieser Rekord auf der Autostrada aufgestellt. Spater wurde dieser Rekord vom deutschen Hersteller BMW weiter verschaerft.

Seine Erfolge blieben nicht unbemerkt. 1938 startete er in Grands Prix fur Alfa Romeo mit dem veralteten Typ 308. Im folgenden Jahr war er ausschliesslich in den sogenannten Voiturettes mit einem vertrauten Maserati aktiv und erzielte dabei ordentliche Ergebnisse.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unterbrach Taruffis Laufbahn. Als der Krieg vorbei war, war er bereits 39 Jahre alt, ein Alter, in dem ein Fahrer seine beste Zeit hinter sich hat. Normalerweise (und das gilt besonders fur die heutige Zeit) wurde dies das Ende einer Karriere bedeuten.

Die Qualitaten von Taruffi erwiesen sich auch nach dem Krieg noch als vorhanden, und er blieb als Fahrer gefragt. Seine Ausbildung als Ingenieur hatte den Vorteil, dass er auch in technischer Hinsicht von grossem Wert fur den Hersteller sein konnte, fur den er fuhr. Dies zeigte sich auch, als er Ende der vierziger Jahre eine Reihe von Rekorden mit dem von ihm konstruierten Tarf 1 aufstellte. Dieses bemerkenswerte Fahrzeug, das im Grunde aus zwei nebeneinander angeordneten Rohren bestand, wurde erfolgreich als Rekordwagen in der Klasse bis 500 ccm eingesetzt, diesmal angetrieben von einem Moto Guzzi Motorrad-Motor. Der Fahrer sitzt in einem der Rohre, der Motor ist im anderen montiert. Es wurden mehrere Rekorde aufgestellt, darunter der fliegende Kilometer mit 207.373 km/h.

Dieser Erfolg fuhrte zur Entwicklung des Tarf 2, der dem Vorganger sehr ahnlich, aber grosser war und mit einem 1720-cc-Maserati-Motor mit Kompressor ausgestattet wurde. 1951 stellte Taruffi damit einen Rekord von fast 300 km/h auf. Dieses Auto wurde vor Kurzem in die Sammlung des Louwman Museum aufgenommen!

Piero Taruffi, ein unterschatzter Rennfahrer.

Spaeter wurden auf den Steilkurven von Monthlery und Monza Rekorde ueber laengere Distanzen aufgestellt. Diese Aktivitaeten gingen nicht zulasten des normalen Rennbetriebs. In diesen Jahren fuhr er Cisitalias, einen kleinen und leichten Produktionsrennwagen, der auch von vielen anderen Fahrern, darunter Nuvolari, bei nationalen Rennen eingesetzt wurde.

Im Laufe der Jahre wuchs Taruffis Ruf stetig. Er gewann zweimal die italienische Meisterschaft in der Klasse direkt unterhalb der Formel 1. Er wurde zu einem gefragten Gastfahrer, einem Piloten, der fast uberall und in nahezu jeder Disziplin eingesetzt werden konnte, sowohl in Italien als auch im Ausland. Und das nicht nur in italienischen Autos. So bestritt er auch auf der englischen Strecke Brands Hatch ein Rennen mit dem 500-ccm-Cooper-Norton.

Neben Werksverpflichtungen unter anderem bei Ferrari und Lancia fuhr er auch fur Mercedes-Benz in den Silberpfeilen der funfziger Jahre und sogar fur das englische Team Vanwall.

Piero Taruffi, ein unterschatzter Rennfahrer.

Weil er inzwischen eine stattliche graue Haarpracht hatte, wurde er von seinen zahlreichen Fans auch The Silver Fox genannt.

Er hob sich jedoch das Schonste bis zum Schluss auf. 1957 gewann er nach zahlreichen fruheren Teilnahmen in einem Ferrari 315 S mit der Startnummer 535 die letzte Mille Miglia. Das Rennen wurde von dem schrecklichen Unfall mit Fon de Portago uberschattet, bei dem 12 Menschen ums Leben kamen.

Piero Taruffi, ein unterschatzter Rennfahrer.

Nach diesem Sieg beendete Taruffi seine aktive Karriere, arbeitete danach aber weiterhin als Teamchef des Gilera Motorradrennteams und als Berater fur die Automobilindustrie.

Peter Helbach