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Als ehemalige Mitglieder der Porsche Gruppe erzaehlen...

Als ehemalige Mitglieder der Porsche Gruppe erzaehlen...

3. Mai 2016

Die Arbeit der Reichspolizei war sehr abwechslungsreich. Aus den Gesprachen, die wir mit ehemaligen Mitgliedern der 'Porsche Gruppe' gefuhrt haben, haben wir eine kleine Auswahl getroffen.

Ein Polizei-Porsche, etwas fur Sie?

Eine Woche bevor der letzte Porsche der Reichspolizei endgueltig von unseren Reichsstrassen verschwand, wollten wir fuer die Zeitung noch ein Interview mit der Besatzung eines solchen eindrucksvollen weiss-orangen 911 mit blauem Blaulicht fuehren. In der "Zentrale" nahe der A12 in Driebergen, wo damals noch die AVD (Allgemeine Verkehrs Dienst) ihren Sitz hatte, ortete ein Reichspolizist den Wagen ueber den "Funk" fuer uns. Die Besatzung war nur allzu gern bereit, mit uns zu sprechen, und wollte auf einem Parkplatz an der A27 in Richtung Hilversum auf uns warten, kurz vor der Ausfahrt nach Bilthoven. Wir fanden sie schnell. "Wenn du mir hunderttausend gibst, kaufen wir dieses Auto zusammen und machen uns selbststandig", war zur Begruessung der wenig subtile Eroeffnungssatz der beiden jugendlich wirkenden Reichspolizisten. Sie hatten offenkundig wenig Lust, ihren Dienstwagen gegen ein ziviles Transportmittel wie den Volvo Kombi einzutauschen, der als Nachfolger angeschafft worden war. Die Bemerkung war zwar scherzhaft gemeint, hatte aber einen ernsten Unterton: Sie brachte die Trauer ueber den Verlust ihres geliebten Porsche und die Trauer ueber den Verlust eines Stuecks Statussymbol zum Ausdruck. Einen Porsche im Dienst zu fahren: Das taten neben professionellen Rennfahrern sonst nur ausgewaehlte Mitglieder der Porsche-Gruppe der AVD in Driebergen.

Schlaf?

Bei der Porsche Gruppe zu arbeiten hatte sowohl Vor- als auch Nachteile. Mit einem deutschen Sportwagen zu fahren, gab dem Team, das jeden Tag (und ein Stuck der Nacht) damit unterwegs war, nicht nur einen enormen Kick, sondern verschaffte einem auch Ansehen auf Geburtstagen und sogar bei den weniger privilegierten Kollegen, die Buroarbeit machten. Und wahrend der Arbeitszeit war man auf den uberregionalen Autobahnen zudem der Schrecken der patzenden Verkehrsteilnehmer. Aber man erwarb sich auch grossen Respekt. Nicht nur, weil jeder wusste, dass Flucht vor so einer Porsche-Besatzung nach einem Verstoss sinnlos war, sondern auch wegen der Ausstrahlung: ein furchteinflussender weiss-oranger Porsche, bemannt mit imposanten Mannern mit ebenso imposanten Helmen, einem Lautsprecher hinten drauf und einem Blaulicht. Einer der Nachteile dieser besonderen Tatigkeit war, dass man nach dem Start in Driebergen tief ins Land hinausfuhr und manchmal uber Nacht bleiben musste. Man war einfach zu weit von zu Hause entfernt, um zuruckzufahren. Fur diese Ubernachtungen hatte der AVD Zimmer in einer Reihe von Van der Valk Motels in ganz den Niederlanden reserviert. Dort konnten die muden Polizisten am Ende des Arbeitstages ihr erschopftes Haupt zur Ruhe legen. Nachts wurde (zum Gluck?) nicht Streife gefahren. Unser fruherer Nachbar war Polizist und einer der Glucklichen, die beruflich taglich einen Dienst-Porsche fahren durften. Neben einem guten Polizisten war er auch ein ausgezeichneter Fahrer. Sein Problem war jedoch, dass er in einem anderen Bett als seinem eigenen nur sehr schwer einschlafen konnte. Und weil die Reichspolizei zudem sparsam mit unseren Steuergeldern umging, mussten die Herren Polizisten obendrein immer ein Zimmer teilen. Er erzahlte manchmal, dass das fur ihn jede Nacht in einem regelrechten Desaster endete. Am ersten Tag seines Dienstes war er also noch recht fit, aber nach so einer durchwachten Nacht war der nachste Tag schon deutlich schwieriger. Und sein Kollege hatte zudem die ganze Nacht uber geschnarcht...

Das abgebrochene Kunstobjekt

Es muss im Herbst 1980 gewesen sein, als wir mit dem Porsche an der A2 tankten. Laut hupend fuhr ein Lastwagen auf das Gelaende. Der Fahrer stieg aus seinem Fahrerhaus und kam schnell auf uns zu. Er rief uns zu, dass er einen Personenwagen ueberholt habe, aus dem geschossen wurde. Waehrend er uns das mitteilte, fuhr der betreffende Personenwagen auf der Autobahn am Tankstellengelaende vorbei, und wir sahen, wie der Fahrer seine Hand aus dem linken Tuerrenster streckte und hoerten einen Pistolenschuss.

Wir stiegen in unser Auto, gaben sofort der Zentrale Bescheid und nahmen die Verfolgung auf. Wir bekamen sofort Luftunterstutzung, denn in der Nahe von Meerkerk flog eine der Cessnas des Flugdienstes. Die Besatzung hatte unsere Meldung gehort. Inzwischen hatten wir den betreffenden Personenwagen im Visier, der bei Vianen auf die Autobahn 27 auffuhr, und wir sahen tatsachlich, dass er regelmassig seinen linken Arm aus dem Fenster streckte und dabei auch eine kleine Rauchwolke zu sehen war. Wir durften noch nichts unternehmen, da wir auf Unterstutzung warten mussten, und das Flugzeug blieb weiter hinterher. Die Besatzung des Flugzeugs meldete kurz darauf, dass das Auto auf den Parkplatz einer Tankstelle fuhr.

Als ehemalige Mitglieder der Porsche Gruppe erzaehlen...

Sie sahen, dass der Fahrer ausstieg und in den Bahnhof hineinging. Auf Unterstuetzung zu warten hatte keinen Sinn mehr und wir beschlossen einzugreifen. Wir gingen auf das Auto zu und sahen, dass eine Frau darin sass, mit einem halben Dutzend kleiner Schusswaffen auf ihrem Schoss. Wir sahen auch, dass sie dabei war, Magazine mit Munition zu fuellen. Mit gezogener Pistole forderten wir die Frau auf, alles fallen zu lassen und aus dem Auto zu kommen. Bevor die Frau richtig begriff, was geschah, stand sie bereits neben dem Auto. Im selben Moment kam ein Mann auf uns zu, der sich als der Fahrer des Personenwagens herausstellte, mit einem Becher Kaffee in jeder Hand. Die Frau protestierte heftig, denn wir „stoerten ein Kunstwerk, das der Fahrer und sie gerade schufen“.

Bei einer fluchtigen Untersuchung stellte sich heraus, dass es sich um Schreckschusspistolen handelte. Inzwischen war die notwendige Unterstuetzung eingetroffen, und zusammen mit der oertlichen Polizei brachten wir die ganze Ausruestung zur Dienststelle der Reichspolizei in Meerkerk zur weiteren Untersuchung. Auf der Wache wurde deutlich, dass beide Personen ein Kunstobjekt fuer die Gemeinde Breda anfertigten. Sie waren dabei, eine „Geraueschschwingungslinie“ von dem Dam in Amsterdam bis ins Zentrum von Breda zu legen. Der Fahrer und die Frau waren in Amsterdam gestartet und hatten auf der Strecke durch Schlaege mit einem Gegenstand auf Laternenpfahle und aehnliches Geraeuschschwingungen erzeugt. Auf der Autobahn loeste der Fahrer etwa alle 500 Meter eine Geraeuschschwingung durch einen Pistolenschuss aus. Die Frau sorgte dafuer, dass die Pistolen stets rechtzeitig geladen waren, und achtete darauf, dass der Kuenstler das von der Gemeinde Breda finanzierte Projekt ordnungsgemaess durchfuehrte.

Die betreffende Frau war Beamtin der Gemeinde Breda, zustandig fur Kunstangelegenheiten, und war sehr auf uns bose, weil wir das Projekt gestort hatten. Wir wurden davon noch mehr zu horen bekommen.

Es wurde ein Protokoll wegen der Schreckschusspistolen und der Gefaehrdung des Verkehrs aufgenommen. Danach haben wir nichts mehr davon gehoert. Einige Wochen spaeter hat die Wochenzeitschrift Nieuwe Revue das Projekt mit dem Kunstler noch einmal durchgefuehrt, sodass doch eine Klanglinie zwischen Amsterdam und Breda entstanden ist.

Spieglein, Spieglein an der Wand?

Wir fahren mit unserem 911er auf der A2 zwischen Abcoude und Vinkeveen an einem auffalligen orangefarbenen BMW vorbei, hinter dessen Steuer ein dunkel getonter Mann mit Rastakappe sitzt. Neben ihm sitzt ebenfalls ein dunkel getonter Mann mit Afrofrisur. Die Manner stossen sich gegenseitig an und zeigen auf unseren Porsche. Das kommt zwar haufiger vor, aber es gibt keinen Anlass, den BMW zu kontrollieren. Auf den ersten Blick ist alles in Ordnung. Wir wollen auch nicht diskriminieren und lassen sie weiterfahren. Sie fahren an die Tankstelle bei Breukelen, und wir nehmen die Ausfahrt Breukelen. Durch das Ein- und Ausfahen kann man relativ unauffallig wieder in den Verkehr einfahen und schauen, ob sich in der neuen kleinen Fahrzeuggruppe, die dann vorbeikommt, ein potenzieller Verkehrssunder befindet. Es ist und bleibt ruhig heute. Eigentlich ist dies die Situation, auf die man hinarbeitet, und doch!

Auf Hohe von Nieuwegein nahern wir uns wieder dem orangefarbenen BMW. Sie sind wahrscheinlich direkt von der Tankstelle aus weitergefahren. Wir werfen trotzdem einen Blick hinein und sehen, dass der Mann mit dem Afro jetzt am Steuer sitzt und der Rasta daneben. Jetzt ist es durchaus interessant, sie zu kontrollieren. Wahrscheinlich hat der „Rasta“ keinen Fuhrerschein. Nachdem sie uns gesehen haben, sind sie auf Nummer sicher gegangen und haben den Fahrer gewechselt. Auf Hohe von Vianen geben wir ein Haltezeichen. Zuerst frage ich den Beifahrer mit den Rastazopfen, ob ich seinen Fuhrerschein sehen darf. Den hat er nicht: „Ich bin auch nicht gefahren, Wachtmeister, ich sitze nur daneben.“ Ich frische sein Gedachtnis ein wenig auf und schliesslich gibt er zu, dass er ohne gunltigen Fuhrerschein gefahren ist. Ich notiere seine Daten und kundige ihm eine Anzeige an. Er ist damit einverstanden. Anschliessend frage ich routinemassig nach dem Fuhrerschein des Fahrers. „Ich habe auch keinen Fuhrerschein“, sagt er! Das kommt nicht so oft vor: Bei einer Kontrolle zwei Fahrer ohne Fuhrerschein! Uns bleibt nichts anderes ubrig, als das Auto zur Wache in Driebergen zu bringen und dort abzustellen, bis jemand kommt, der einen Fuhrerschein hat. Es ist Sonntag und wir konnen die Personalien der beiden in keiner Weise uberprufen. Um etwas Sicherheit einzubauen, frage ich, ob ich ein Foto von diesem besonderen Duo machen darf. Auch damit sind sie einverstanden, und wir bringen sie anschliessend zum Zug.

Ein paar Wochen spater sehen wir auf der A2 in Hohe von Vianen ein Auto mit einem verblassten Kennzeichen fahren. Kennzeichen ziehen immer unsere Aufmerksamkeit auf sich. Man kann viel daraus "lesen". Ist es falsch oder warum ist es in diesem Fall so schlecht lesbar? Das Auto wird an den Rand gezogen, um eine genauere Untersuchung vorzunehmen, und zu meiner Uberraschung sehen wir, dass "Rasta" am Steuer sitzt. Diesmal ist er allein. Hat er inzwischen einen Fuhrerschein? Ich frage ihn nach seinem Fuhrerschein, und er kommt sofort mit einem surinamischen Fuhrerschein hervor. Abgesehen von der Tatsache, dass er als niederlandischer Einwohner einen niederlandischen Fuhrerschein haben muss, ist der Fuhrerschein auf eine andere Person ausgestellt. Die Daten, die er vor kurzem angegeben hatte, hatten sich als korrekt erwiesen. Dieser Fuhrerschein gehort also eindeutig nicht ihm. Ich lasse ihn wissen, dass ich mich noch an unsere letzte Begegnung erinnere. Er behauptet jedoch weiterhin, dass er mich zum ersten Mal sieht. Der Form halber frage ich ihn nach seinem Namen. Er gibt genau den Namen an, der auf dem Fuhrerschein steht. Er gibt also jetzt einen falschen Namen an oder hat das damals getan. Grund genug, den Mann festzunehmen. Wir nehmen ihn mit aufs Revier in Driebergen. Ich zeige ihm die Fotos, die ich damals von ihm gemacht habe. Als ich ihm die Frage stelle, wer denn dieser Mann sei, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist, sagt er, dass er diesen Mann schon einmal gesehen habe. Dann wird gefragt: "Und wann war das?" Die Antwort: "Jeden Morgen im Spiegel!"

Dick Schornagel und andere

Redaktion Louwman Museum

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